Wer ein E-Bike kauft, redet über Motor, Akku und Reichweite. Der Sattel wird meist erst Thema, wenn nach der ersten längeren Ausfahrt der Po schmerzt. Dabei entscheidet ein passender E-Bike-Sattel mindestens ebenso stark darüber, ob das Radfahren Freude macht oder das Bike bald im Keller steht.
Mit einem Motorantrieb verändert sich das Fahrverhalten. Die Touren werden länger, weiter und häufiger, da Steigungen und Gegenwind an Schrecken verlieren. Gleichzeitig bleibt der Oberkörper häufiger aufrecht, und das Aufstehen in den Pedalen entfällt öfter, weil der Motor beim Anfahren und am Berg hilft. Deshalb lastet das Körpergewicht fast dauerhaft auf dem Sattel. Ein Sattel, der bei einer kurzen Feierabendrunde noch akzeptabel ist, wird auf einer Tagestour schnell zur Zumutung. Dazu kommt: E-Bike-Fahrende sind sehr verschieden. Der eine nutzt das E-Bike, um verschwitzte Ankünfte im Büro zu vermeiden, die andere, um auch mit 70 noch weite Touren zu schaffen, und der Dritte, um steile Trails hinaufzukommen. Den einen Sattel für alle gibt es nicht.
Sitzknochenbreite und Fahrposition: die wichtigsten Kriterien
Der häufigste Fehler beim Sattelkauf ist es, sich nach der Optik oder der Polsterdicke zu richten. Entscheidend ist, dass der Sattel die Sitzknochen richtig stützt. Die Sitzknochen nehmen beim Tritt in die Pedale den grössten Teil des Drucks auf und sorgen für Stabilität. Nicht die empfindlichen Weichteile, sondern diese Kontaktpunkte müssen daher besonders gut unterstützt werden. Der Abstand der Sitzknochen ist individuell unterschiedlich und hängt nicht allein vom Geschlecht ab. Pauschale Damen- und Herrenmodelle sind deshalb nur bedingt sinnvoll. Viele Fachgeschäfte messen den Abstand mit einem einfachen Abdruckgerät. Das geht oft in wenigen Minuten und ist teils kostenlos oder kostet eine kleine Gebühr. Ist der Sattel zu schmal, sitzt man auf weichem Gewebe, was Druckschmerzen und Taubheitsgefühle begünstigt. Ist der Sattel zu breit, scheuert er an den Oberschenkeln. Die meisten Hersteller bieten deshalb dasselbe Modell in verschiedenen Breiten an.
Die Fahrposition bestimmt die passende Sattelbreite
Die ideale Breite hängt auch von der Körperhaltung ab. Je stärker der Oberkörper nach vorne geneigt ist, desto kleiner ist der Abstand zwischen den Sitzbeinhöckern, und desto schmaler darf der Sattel sein. Wer aufrecht sitzt, braucht eine breitere Auflagefläche. Auf dem E-Bike sitzen viele Fahrende eher aufrecht bis leicht vorgebeugt, also in einem Winkel von etwa 60 bis 90 Grad zum Boden, und kommen mit einem breiteren Sattel besser zurecht. Nur bei sehr sportlicher Haltung kann sich der Druck auf die Weichteile verlagern und Beschwerden im Dammbereich verursachen.
Weich ist nicht gleich bequem: die richtige Polsterung
Ein weitverbreiteter Irrtum lautet: Je dicker die Polsterung, desto höher der Komfort. Das mag auf kurzen Strecken stimmen. Auf längeren Distanzen jedoch sinken die Sitzknochen in zu weichem Material ein, der Druck verlagert sich auf empfindliche Zonen, und das Polster wird zusammengedrückt. Bewährt haben sich Sättel mit fester Grundstruktur und moderater Polsterung, oft aus Schaum, teils mit Gel-Einlagen an den Druckpunkten. Für den gemütlichen Stadtverkehr und die aufrechte Haltung sind breitere Sättel mit mehr Polster, etwa klassische Komfortsättel mit Federn, durchaus sinnvoll. Wer sportlicher unterwegs ist, fährt mit schlankeren, formstabilen Modellen in der Regel besser.
Aussparungen und Entlastungskanäle: Wann sie sinnvoll sind
Viele moderne Sättel haben eine Aussparung oder einen Entlastungskanal in der Mitte. Der Gedanke dahinter: Der Druck im Damm- und Genitalbereich soll sinken und die Durchblutung erhalten bleiben. Gerade bei häufigem und langem Fahren ist das ein echtes Argument. Besonders hilfreich ist ein Entlastungskanal bei sportlicher, vorgebeugter Haltung, weil sich der Druck dort eher auf die Weichteile verlagert. Wer aufrecht sitzt, belastet den Dammbereich kaum, weshalb die Aussparung dort weniger ins Gewicht fällt. Ob eine offene Aussparung oder eine blosse Vertiefung besser passt, ist letztlich Typsache.
Sattelstütze: mehr Komfort mit Federung und Höhenverstellung
Wer Wert auf Komfort legt, sollte auch die Sattelstütze in seine Überlegungen einbeziehen. Gefederte Stützen filtern Schläge, bevor diese im Rücken ankommen. Bei E-Mountainbikes sind höhenverstellbare Sattelstützen inzwischen weit verbreitet: Bergab senkt sich der Sattel per Knopfdruck, bergauf fährt er wieder aus. Das erhöht Sicherheit und Fahrspass, doch der Sattel sollte auch in abgesenkter Position nicht stören.
Material und Bauart: welche Sattelarten gibt es?
Sattel richtig einstellen: Höhe, Neigung, Position
Selbst der beste Sattel nützt nichts, wenn er falsch eingestellt ist.
Änderungen nimmt man am besten schrittweise vor und wartet nach jeder Anpassung eine Ausfahrt ab. Auch ein neuer Sattel erfordert eine Eingewöhnungszeit, in der sich die Muskulatur und die Haut anpassen. Die ersten Fahrten sollten daher nicht gleich Tagestouren sein. Einige Hersteller bieten eine 30-Tage-Komfortgarantie mit kostenloser Rückgabe. So lässt sich ein Sattel im Alltag testen.
Was ein guter E-Bike-Sattel kostet
Ein guter Sattel muss nicht teuer sein, aber ganz billig ist selten die beste Lösung. Einfache Sättel sind bereits ab etwa 40 Franken erhältlich. Bewährte Modelle von Markenherstellern liegen in der Regel zwischen 60 und 150 Franken. Ergonomische Spezialsättel, Ausführungen aus hochwertigem Leder oder Carbon kosten ab etwa 160 Franken, teils deutlich mehr.
Fazit
Der richtige Sattel ist beim E-Bike keine Nebensache. Wer viel und lange fährt, profitiert davon, die eigene Sitzknochenbreite zu kennen, die Fahrposition zu berücksichtigen, auf eine feste, nicht zu weiche Polsterung zu achten und Sattel sowie Sattelstütze sorgfältig einzustellen. Die Investition von etwas Zeit und Geld zahlt sich bei jedem gefahrenen Kilometer aus. Und wer sich auf dem Bike wohlfühlt, fährt den Akku öfter leer.
Der Lookin Evo gibt ausrangierten Sätteln ein zweites Leben: Mit der firmeneigenen Technologie Stracciatella verarbeitet Selle Royal gebrauchte Sättel zu Granulat und arbeitet es in neuen Schaumstoff ein. Die Kunststoffbasis besteht aus nachwachsenden Rohstoffen. Eine transparente Abdeckung macht den Aufbau samt Royalgel-Polster bei der limitierten Jubiläumsedition sichtbar. Preis: CHF 99.90
Der Explora Moderate von Selle Royal richtet sich an Velofahrerinnen und Velofahrer, die in der Freizeit auf gemischtem Untergrund sowohl kurze als auch lange Touren fahren. Der Sattel hat ein ergonomisches Design und eine Schicht Royalgel™ an ausgewählten Stellen verringert den Druck. Preis: CHF 69.90
über: Intercycle
Der Choice von Prologo ist ein Rennradsattel mit minimalistischem Design, der mithilfe von Strömungssimulation und Windkanaltests aerodynamisch optimiert wurde. Die ergonomische Form sorgt für Komfort und die integrierten Carbonschienen erhöhne die Steifigkeit. Der Sattel ist modular aufgebaut: Einzelne Komponenten lassen sich austauschen und verbessern so die Nachhaltigkeit. Preis: CHF 459.00
Der ST Gel Women von Ergon ist ein Tourensattel für Frauen und bietet mit seiner schmal geschnittene Nase bestmögliche Beinfreiheit. Ein orthopädischer Schaum und Gel-Pads im Bereich der Sitzknochen sorgen für Komfort auf langen Strecken. Ein Entlastungskanal vermeidet Druckstellen und Taubheitsgefühle. Den Sattel gibt es in zwei Grössen für Sitzknochenabstände von 9 bis 12 und von 12 bis 16 Zentimetern. Preis: CHF 69.00
Der Lookin Evo Relaxed Sattel ist ein Sattel für Pendeln und Touren. Der überarbeitete Lookin zeigt durch Fenster in der Oberfläche seine Royalgel™-Polsterung und den Stracciatella-Schaum, der Granulat aus ausrangierten Sätteln enthält. Seitliche Einsätze schützen den Sattel vor Abnutzung oder Abrieben und stossdämpfende Elastomere (formfeste, aber elastische Kunststoffe) sorgen beim EVO Relaxed - Stracciatella für eine optimale Druckverteilung. Preis: CHF 89.90
über: Intercycle
Der Canard von Selle Monte Grappa ist ein klassischer Ledersattel im Stil der Achtzigerjahre und für sportliche Fahrer gedacht. Er wird in Italien von Hand aus Nappaleder gefertigt. Den Sattel gibt es in mehreren Farben, darunter Schwarz, Honig, Rot und Blau. Preis: CHF 62.00
über: Velok
Mehr zum Thema E-Bikes und Zubehör gibt es in der Ausgabe 1/26 im Magazin easybiken zu entdecken.
Text: EL, PD